Die Revolution frisst ihre Kinder

Mehr als zehn Jahre hatte sie sich angekündigt, und trotzdem kam sie im Herbst 2009 irgendwie überraschend: Die typografische Revolution in der Web-Gestaltung erfasste im Nu alle, die auch nur annähernd mit dem Design von Online-Präsenzen zu tun hatten. Endlich sollte – wie im Print-Bereich schon immer selbstverständlich – die Schriftwahl keine unsichere Variable mehr sein, sondern fest in der Gestaltung verwurzelt werden können. Ein neues Fontformat versprach, die bisherigen Hürden hinwegzufegen und alle Beteiligten – vom Schriftgestalter über den Distributoren, den Browserhersteller oder Webdesigner bis hin zum Anwender – in zufriedenem Glück zu vereinen. Doch wo stehen wir heute, ein Jahr nach dem ersten Webfontday im November 2010?

Die gute Nachricht: Die Anzahl der Seiten, die Schrift einbinden, nimmt extrem zu. Aber nach wie vor lauern viele Unsicherheiten und Fallen im alltäglichen, praktischen Leben. Genauso wie die schlichte Erkenntnis, dass schlecht lesbare Schriften durch die Verwendung als Webfont nicht besser lesbar werden, gibt es einzelne Beispiele, in denen schlecht digitalisierte alte Schriften durch neue Aufbereitung fürs Web plötzlich zu alter Qualität zurückfinden. Hinting hat natürlich immer noch nichts mit Hunting zu tun – ist aber auf der Jagd nach einem ermüdungsfreien Lesebild oft entscheidender als die Schriftwahl selbst.

So langsam macht sich die Erkenntnis breit, dass es auch im Web eben nicht nur um die Verfügbarkeit des Schriftmaterials geht, sondern Typografie die entscheidende Rolle spielt. Wie ist das mit halben Leerzeilen, eingezogenen Absatzformaten, sauberen Trennungen oder gar von unten wachsenden Texten? So schön die Revolution war: Wir sind vor den Hürden des typografischen Alltags angekommen. Der Webfontday will dazu beitragen, sie leichtfüßig zu nehmen. Die tgm hat wieder zahlreiche namhafte Experten eingeladen, um die Entwicklungen des letzten Jahres zu dokumentieren, neue Möglichkeiten zu diskutieren und den Blick auf Limitierungen und Spielräume zu erweitern.

Die Bandbreite der Vorträge wird dabei sowohl technische als auch gestalterische Fragestellungen berücksichtigen. Ein getrennt besuchbarer Vortrag am Beginn des Tages wird noch mal die wesentlichen Grundlagen zur Verwendung von Webfonts erklären.

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